Weltallende August Walla und die Künstler aus Gugging

Die Vorgeschichte

Die Entwicklung der Rezeption der Kunst von Außenseitern begann in der Psychiatrie. Nachdem Cesare Lambroso 1864 Arbeiten von psychischen Kranken in seinem Buch „genio e follia“ beschrieb, war eine lange Pause bis 1922 Hans Prinzhorn in seinem Buch „Die Bildnerei der Geisteskranken“ eine Sammlung von Werken beschrieb, die spontan in europäischen Kliniken entstanden waren. Die Surrealisten, unter ihnen besonders Andre Breton, schätzten dieses Werk besonders, da es Einblicke hinter Mauern gab, die damals nicht frei zugänglich waren. Die unbeeinflussten Werke inspirierten die damaligen Gegenwartskünstler. Kurz vorher, 1921, war auch eine Monografie über den schizophrenen Patienten Adolf Wölfli, von Walter Morgenthaler, seinem Psychiater erschienen. Erstmals traute sich dieser, einen Kranken als Künstler zu bezeichnen. Die einschneidende Diktatur des Nationalsozialismus verhinderte eine weitere Entwicklung bis Mitte der 40er Jahre, als in Paris Jean Dubuffet die „Art Brut“ postulierte. Mit einer eigentlich „antipsychiatrischen“ Definition der Kunst von Außenseitern (obwohl ein Großteil der Vertreter der Art Brut psychisch kranke Menschen sind) weist Dubuffet auf deren ursprüngliche Ausdruckskraft und den Gegenakademismus hin. Fasst man all seine Schriften zusammen, ist Art Brut eine Kunst, die nicht von Kunst beeinflusst ist.

Die Geschichte von Gugging

In den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann der Psychiater Leo Navratil Testzeichnungen von Patienten der „Heil- und Pflegeanstalt Gugging“, 20 km nordwestlich von Wien, aus diagnostischen Gründen anfertigen zu lassen. Unter den tausenden Zeichnungen fand er einzelne, die sich nicht einfach Krankheitsbildern zuordnen ließen, sondern besondere Kreativität zeigten. Navratil war daran interessiert und schrieb 1965 das Buch „Kunst und Schizophrenie“, das unter den Künstlern der Zeit große Beachtung fand. Arnulf Rainer, Franz Ringel und andere wurden zu häufigen Besuchern und Sammlern in Gugging. In den siebziger Jahren fanden die ersten Ausstellungen der Werke der von Navratil entdeckten Zeichner und Maler statt und er konnte 1981 das „Zentrum für Kunst-Psychotherapie“, eine Wohngemeinschaft, gründen, in das er die künstlerisch Talentierten einlud. Als Johann Feilacher 1983 nach Gugging kam, war das Zentrum für Kunst-Psychotherapie zwei Jahre alt. Die Bewohner des Hauses hatten schon Anerkennung als Künstler gefunden, sie begannen damit vereinzelt Geld zu verdienen. Der Weg in Richtung einer künstlerischen und sozialen Integration war angezeigt. Aber es gab noch einige Schritte zu bewältigen, um wirklich in diesem Metier akzeptiert zu werden: nicht nur als „Künstlerpatienten“, sondern als Künstler  ohne Vorbehalte und psychopathologische Assoziationen. Nicht soziale Almosen für ihre grandiosen Werke, sondern Gleichstellung mit allen anderen Künstlern sollten angestrebt werden. Das „Zentrum für Kunst-Psychotherapie“ war nun ein Haus, in dem primär Künstler lebten, also erhielt es auch gleich 1986, nach der Pensionierung Navratils, den Namen „Haus der Künstler“. Dieses Ausscheiden aus dem „Patientenstatus“ der Klinik in eine Wohngemeinschaft von Künstlern gab ihnen die Menschenwürde wieder.

Das Museum

Ausstellungen in nationalen und internationalen Museen und Galerien, sowie zahlreiche Publikationen, führten zu größerer Bekanntheit der Werke der Künstler aus Gugging. Vom Amos Anderson Museum in Helsinki zum Setagaya Museum in Tokio, vom Museum moderner Kunst in Wien bis zum Philadelphia Art Museum fanden Ausstellungen statt. Im Jahr 1990 erhielten die Künstler den begehrten Oskar-Kokoschka-Preis, die größte Auszeichung für bildende Kunst, den Österreich an internationale Künstler vergibt. Die logische Folge war die Idee eines eigenen Museums für Gugginger Künstler: ein Haus, in dem ihre Werke der großen internationalen Öffentlichkeit gezeigt werden konnten; ein Museum für Art Brut, aber nicht nur dafür, sondern eines, in dem man zwischen Kunst jeder Stilrichtung mit Art Brut Vergleiche anstellen können sollte. Es war zu zeigen, dass es sich nicht um irgendeine „psychopathologische“ oder „Patientenkunst“, sondern einfach um Kunst handelt, die jedem Vergleich mit anderen Kunstwerken standhält und die meisten sogar an Originalität sogar übertrifft. In Kärnten und in Slowenien wurden bisher keine musealen Ausstellungen der Künstler aus Gugging gezeigt, daher stellt diese Tournee eine Premiere dar und soll auch dieser Region die Klassiker der Art Brut nahebringen. Damit können Hauptwerke der Künstler wie August Walla, Johann Hauser und Oswald Tschirtner nach Bleiburg und Slovinj Gradec gebracht werden.

 

Die Künstler aus Gugging

Josef Bachler (1914 - 1979)

Josef Bachlers Herangehensweise an seine Zeichnungen war sehr entschlossen, er durchtrennte das Weiß des Blattes mittels weniger Linien. Mit einzelnen Strichen war eine Frau, ein Mann oder ein Tier skizziert, klar und kompromisslos. Vor den Augen des Betrachters liegt ein „fertiges“ Werk, nichts lässt daran zweifeln, dass an der Katze, dem Elefanten oder dem Menschen irgendetwas fehlen könnte. Bachlers Gesamtwerk umfasst nur wenige, vielleicht zweihundert, sehr konzentrierte Zeichnungen.

 

Anton Dobay (1906 - 1986)

Anton Dobay war der Schöpfer freier, mit Wachskreide oder Farbstift gefertigter Interpretationen vorwiegend von Vorlagen, die ihm der Psychiater Leo Navratil, der Dobay nach einem Schlaganfall behandelte, zur Verfügung stellte. Eindrucksvoll postimpressionistisch, später formal vereinfachend, drückte er dem Zeichenblatt seinen Stempel auf. Intensiv ist in seinen Zeichnungen die Wachskreide auf das Papier gebracht, türmt sich in sich überlagernden Schichten und blättert zeitweise malerisch ab.

Johann Fischer (1919 - 2008)

Der ehemalige Weinbauer Johann Fischer gefiel sich darin, es den anderen nachzumachen. Ins Mekka der Zeichner von Gugging eingeladen, wollte er diesen nicht nachstehen und tat es ihnen gleich. Ein Tagesplan, eines soliden Handwerkers würdig – vom Frühstück bis zum Abendessen – verhalf ihm, in Verbindung mit großem Talent zu einer kontinuierlichen künstlerischen Entwicklung. Nach Zeichnungen einzelner Gegenstände und oft amüsant anzusehender Tiere, teilte er sich in seinem Werk auch schriftlich mit. Mit zum Teil verschrobenen Wortungetümen ist von der Ordnung der Welt ebenso die Rede wie von sozialem Engagement und dem menschlichen Miteinander. Die vorher genau gezogenen Striche erinnern an sein früheres Leben als Weinbauer, an die in Linien gepflanzten Weinstöcke.

Johann Garber (1947)

Johann Garbers Grundwesenszug ist seine große und äußerst kommunikative Neugier Menschen gegenüber. Sein künstlerisches Werk quillt über von Details, seine Zeichnungen sind voll gefüllt bis an den Bildrand. Das Hauptthema stellt nur das Grundschema des Inhalts dar, dieses wird von einer Fülle von Details fast überrollt und ist gelegentlich nicht mehr zu erkennen. In die Landschaft mit Häusern und Kirchen fließen hunderte Figuren ein, zudem Tiere, Gräser, Sträucher, Wolken und Sterne. Neben diesen sich im Detail ergehenden, mit Feder und Tusche gezeichneten Werken arbeitet der Künstler fast plakativ auf unterschiedlichen Objekten: von geraden Holzstöcken und Schnapsfläschchen bis zu Krickeln von Rehen und Gämsen. Garber gewährt den von ihm bearbeiteten Objekten eine „Wesenheit“: bemalt er zum Beispiel Revolver, verschwindet deren aggressiver Charakter, und die Waffe wird zum kitschig-ironischen Spielzeug. Intensiv arbeitet der Künstler auch an der Gestaltung der Wände des Galerie-Lichthofes im Art / Brut  Center Gugging.

Johann Hauser (1926 -1996)

Johann Hauser wurde schon sehr früh der Star unter den Gugginger Künstlern. Mit seinem prägnanten Strich, von anderen Künstlern – Jean Dubuffet bis Arnulf Rainer - hoch geschätzt, war seine Kunst schnell anerkannt. Vor dem ersten Strich lange verharrend, explodierte in der Folge seine Farbe auf dem Blatt. Intensiv und mächtig sind seine Bildnisse von schönen und hässlichen Damen, Raketen und Panzern, Schlangen und Schlössern – mit grandioser Fertigkeit des Strichs, der das Papier durchbohren konnte. Nächtelang entstanden im qualmenden Zigarettenrauch eindrucksvolle Meisterwerke. Johann Hauser zählt zu den weltweit bedeutendsten Künstlern der Art brut.

Rudolf Horacek (1915 - 1986)

Rudolf Horacek saß meist schweigend im Raum und lächelte – über sein Gegenüber oder wegen einer Idee. Ebenso stoisch führte er den Bleistift. Fast immer entstand ein Gesicht, eine Maske, fast immer dem Betrachter zugeneigt. Horacek zerstückelte und füllte danach seine Gesichter wieder, die runden Augen, das immer ovale Gesicht, beschriftete sie mit seinem Namen und der Anmerkung „in Mannswörth“.  Je nach Geduld wurde das Blatt mehr oder weniger gefüllt, die Anfänge der Zeichnung entweder noch erkennbar oder völlig überlagert von Schraffierungen: Blätter, die den Betrachter zu analysieren scheinen – und nicht umgekehrt.

Franz Kamlander (1920 - 1999)

Der taubstumme Franz Kamlander wuchs auf einem Bauernhof auf. Seine Herkunft ließ er unter anderem in die zahlreichen Bilder von Kühen einfließen. Gelbe, rote oder blaue Kühe entsprangen schnell und fließend seinem Stift. Nie in die Gebärdensprache eingeweiht, entwickelte er eine eigene Zeichensprache einfacher Art, mit der er sich verständigen konnte. Typische Bewegungen oder Gesten des Gegenübers übernahm er als Symbol für diese Person. Er verfügte über ein spezifisches Talent, Tiere aller Art zu zeichnen. Auswendig schuf er nicht nur naturgetreue Abbildungen, sondern oft auch animalische Visionen.

Heinrich Reisenbauer (1938)

Heinrich Reisenbauer lebte lange in psychiatrischer Unterbringung. Die Freiheit, die er seit 1986  im Haus der Künstler genießt, scheint er gar nicht zu benötigen, denn er nützt sie selten bis gar nicht. Auch in seinen Zeichnungen ist er kontrolliert, geordnet, pedantisch. In Reih und Glied stehen sein Figuren, Gegenstände oder anderen einfachen Motive. Säuberlich gleich, aber doch nicht identisch, das macht den Reiz seiner Arbeiten aus. Überwindung kostete Reisenbauer die Arbeit an großen Leinwänden, die Absolutheit der unkorrigierbaren schwarzen Edding-Konturen auf der Leinwand verunsicherte ihn anfänglich. Nun ist aus dem ehemals Zögerlichen ein gewandter Beherrscher auch des großen Formats geworden. 

Philipp Schöpke (1921 - 1998)

Philipp Schöpke konnte lachen wie kein anderer und jeden dabei mitreißen. Bei seiner künstlerischen Arbeit war er einmal bedächtig, dann wieder ungeduldig. Seine zähnestrotzenden Menschendarstellungen zeichnete er mit großer Ausdauer. Seine Figuren verfügen über eine Eigenheit: Sie sind fast durchsichtig, die Eingeweide und Geschlechtsteile sind zu sehen, die Umrisse verlieren sich im unteren Teil des Blattes. Sein in den letzten Jahren zunehmender Tremor bereicherte seine Zeichenkunst, mit zittriger Hand fuhr er unerschrocken  mit dem Bleistift über das Papier und entwarf „Familien“, „Seehunde“ und „Fußballspiele“.

Oswald Tschirtner (1920 - 2007)

O. T., wie Tschirtner seine Arbeiten signierte, lebte in sich gekehrt, nur mit seiner Bibel wirklich verbunden. So wie im Leben verhielt er sich auch in seinem künstlerischen Werk. Tschirtners „Menschen“ sind allen Schmuckes entkleidet,  weder Gewand noch Geschlecht sind diesen Menschendarstellungen, seinen „Kopffüßerrn“, zu entnehmen. Noch sparsamer in der Darstellung der Form wird der Künstler, wenn er bei anderen Themen Einkehr hält. Eine „Landschaft“ kann als einziger Strich über das Papier wandern, ein Tier ein einziger Punkt sein; umgekehrt kann „Friede“ jede Form annehmen. Gelegentlich hat Tschirtner auch seine Zeichnungen koloriert – mit einer Farbe, seltener mit zwei, niemals bunt. Der Konzentration der Themenbehandlung und der radikalen Vereinfachung entwächst eine tiefere innere Aussage. 

Karl Vondal (1953)

Karl Vondal lebt erst seit 2002 im Haus der Künstler, kann aber bereits ein völlig eigenständiges Werk vorweisen. Der ehemalige Bastler, der aus Zündhölzern Villen und Gitarren zusammenleimte, klebt jetzt Papier an Papier, über und über, so groß, wie er diese nur tragen kann. Denn er verlässt ein begonnenes Werk nicht, bis es vollendet ist. Seine Vorliebe für die Darstellung erotischer Frauen und Sexualität hat er mit Johann Korec gemein, der Stil ist jedoch völlig anders. Zarter, weicher Bleistiftstrich formt die Figuren. Paare in märchenhafter Manier, seit einiger Zeit von dazu passenden Texten umwoben, erfüllen den künstlerisch erotischen Himmel der pikturalen Zweisamkeit. 

August Walla (1936 - 2001)

Walla war ein Original, stadtbekannt, noch lange bevor ihn jemand als Künstler ernst nahm. Er und seine Mutter „verunsicherten“ Klosterneuburg, indem sie sich den bürgerlichen Normen widersetzten. Erst als die 88-Jährige sich nicht mehr zurechtfand, wurden Mutter und Sohn ins Haus der Künstler eingeladen, was sie gerne annahmen. August Walla war wohl der universellste Künstler der Art Brut-Szene, zu vergleichen mit dem Schweizer Adolf Wölfli. Wie dieser schrieb er tausende Seiten, für sich selbst und an andere. Da ihm Papier zu klein wurde, gestaltete er Straßen, Bäume und Häuser. Seine von ihm entwickelte polytheistische Religionsphilosophie füllte seine Hefte und die Wände seines Zimmers. Die gesamte Umgebung des Hauses der Künstler wurde von ihm bemalt und vereinnahmt. Er hatte bereits seinen Stempel der irdischen Welt aufgedrückt, als er viel zu früh in sein „Weltallendeland“ einzog.

Ihm war 2012 die bisher größte Retrospektive eines Gugginger Künstler gewidmet und sein Werk steht im Zentrum der Präsentation im Werner Berg Museum.

Graffiti und Bemalungen

August Walla hatte schon in seiner frühen Jugend in der Au Tafeln, Bretter, Tonnen, Bäume und Hütten mit Schriften – man könnte heute auch Graffiti dazu sagen – versehen. Er bemalte eigentlich alles, auf dem Farbe hielt. Die Straße wurde zur „Wandzeitung“ seiner Gefühle. Er schrieb mit Kreide darauf, wenn er sich ärgerte, sich bestohlen fühlte, aber auch, wenn er einer Idee Ausdruck verleihen wollte. Symbole setzte er in die Landschaft, bemalte auch Holzstücke und Steine, die er dann im Garten oder der umgebenden Landschaft positionierte. Temporäre, mit Farbkreiden gezeichnete Symbole fanden sich auch an den verstecktesten Stellen. Auf Elektrokästen, Grenzsteinen, Baumnarben, aber auch auf  den Betonsperren des nahen Baches waren seine Spuren zu finden, die nach dem nächsten Regen wieder verschwunden waren.

Identität

August Walla war sich lange nicht im Klaren, ob er ein Mädchen oder ein Knabe sei,  und  interpretierte es später so, dass er bis 1945 ein Nazimädchen gewesen wäre, dann aber von den das Land besetzenden Russen in einen russischen Knaben umoperiert worden sei. In seinen Bildern finden sich zugehörige Symbole dieser Geschlechtsidentifikation: so steht das Hakenkreuz für Weiblichkeit, während  Hammer und Sichel, Russisch,  Kommunist  oder KPÖ  männliche Symbole sind. In  vielen Zeichnungen sieht Brüste mit einem Hakenkreuz versehen, Figuren mit Penis mit Hammer und Sichel bedacht.

August Walla glaubte, dass Adolf Hitler sein Vater gewesen wäre, er hatte seinen leiblichen Vater ja niemals kennengelernt. Daher fragte er sich, ob er nicht nicht korrekterweise Adolfe oder Walla Adolf oder als Kosenamen Adolli heißen sollte. Diese Bezeichnungen finden sich auch immer wieder in seinen Bildern.

Polytheistische Philosophie

August Wallas Welt, war die der Geister, Gespenster, Halbgötter und Götter, in seine diesseitige und jenseitige Welt. Katholisch erzogen, verwandelte er die Jungfrau Maria in eine Göttin. Sabaoth sei der christliche Gott, und er selbst sei Christ, betonte Walla. Allerdings gäbe es neben Sabaoth noch andere Götter. Das wären etwa Allah und Shiwa. Alle diese Götter befänden sich innerhalb unserer Welt, die wir kennen. Darüber hinaus gäbe es aber auch noch eine andere Welt, die er das Weltallendeland nannte, weil es sich hinter dem Weltallende befände. Gelegentlich könne man durch ein Loch in der Erdkugel dorthin gelangen. In diesem Land gäbe es andere Götter, die aber oft ähnlich den irdischen seien. Eben dort wäre der Weltallendegott  Saatttus  (den er oft unterschiedlich schrieb),   aber  auch der  Gespenstergott  Kappar und andere heidnische (weil nicht christliche) Götter. Auch einen Todesgott und einen Teufelgott gäbe es dort.

Die „Schreibmacht“ des August Walla

Das Nischenleben, das August Walla als gesellschaftlicher Außenseiter führte, war der Ausgangs- und Kontrapunkt seines nicht versiegenden Wörterstroms, mit dem er alle nur denkbaren Schreibflächen überzog: Blechtafeln und Ofenschirme, Straßen und Bäume, Kochtöpfe, Haus- und Zimmerwände, Bretter, Pappe und Schreibmaschinenpapier, Leinwände, Schulhefte, Postkarten, Innendeckel von Buchumschlägen, Rückseiten von Schokoladepapier und vieles andere. Durch das Beschriften erklärt Walla alles zu seinem Territorium. irgendwann wird August Walla die herrischen, verletzenden und verführerischen Wörter, die ihm so oft um die Ohren flogen und die seine unter Hitler, Herrgott und Russenbesatzung verbrachte Kindheit beschallten, neu aufmischen und in Aufstellung bringen. So häuft er in seinen Selbstdarstellungen unterschiedslos Schimpf- und Kosewörter auf sich, hängt sie sich um als einen schillernden Pfauenschweif von Attributen und Namensorden: „Braver süsser deutscher kommunistischer religionsloser lieber Brunzo, Brrunzo bin ich min süssen Brrunzfluss oder Teich, ich Mephistoh Brunzer, Mephistoh, Brunzo Russo Adollibrunzelnterverbrunzter netter.? Mephisto BrunzoAdolli Russo Doohdel Stoppel Nakertbadserle, süsse freundliche Kuh, süsses freundliches Trommidar, Stritzibube, Spitzbube, Strolch, Arbeitshäusler.“

Im Reich der Zeichen

Wallas ebenmäßiges Schriftbild ist geradezu ein Markenzeichen seiner Autographen und er ist stets bemüht, die gesamte Schreibfläche möglichst gleichmäßig mit sorgfältig gemalten Buchstaben auszufüllen. Oft verwendet er dazu verschiedenfarbige Stifte, oder er unterstreicht jede einzelne Zeile, setzt Zierleisten und Embleme ein. Es ist diese kunstvolle Verkettung der Textflächen, die einem auf den ersten Blick auffällt. Der Sprachfluss füllt alle Lücken aus, so wie auch das Wasser sich überallhin ausbreitet, sich keine Beschränkungen auferlegt. Sie erschöpft sich nicht, die Sprache, und mit jedem geschriebenen Wort vergrößert der Schreiber ihr und damit auch sein Terrain, während auf der anderen Seite sein Platz in der Gesellschaft und seine psychische Integrität immer wieder bedrängt und in Frage gestellt sind: schon als Kind in Heime versetzt, dann zusammen mit der Mutter mehrmals delogiert und in sogenannten „Notunterkünften“ wie einer ehemaligen Lackfabrik und Pionierkaserne untergebracht, ein Jahr lang in einem Pflegeheim, mehrfach in psychiatrischen Abteilungen und schließlich als Bewohner im Haus der Künstler in Gugging