Ernst Barlach – Käthe Kollwitz "Über die Grenzen der Existenz" 4. Mai - 27. Oktober 2019

Käthe Kollwitz, Selbstbildnis
Ernst Barlach, Der singende Mann, Bronze 1928


Exposé der Ausstellung

Der „neue Mensch“, die „neue Welt“, die „neue Zeit“ sind Leitmotive, die in Literatur und Kunst den Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert begleiten. Infolge der industriellen Revolution ändern sich die wirtschaftlichen, politischen und sozialen Zustände radikal. Die technischen und wissenschaftlichen Erfindungen und die daran geknüpften Umgestaltungsprozesse führen Europa in ein neues Zeitalter.

Damals schien die Welt aus den Fugen zu geraten. Überall machten sich Künstler und Schriftsteller ans Werk, das Ungeheuerliche in Worte und Bilder zu fassen und dem Menschen eine neue Heimat in dieser Zeit zu geben. „Gott ist tot“ hatte Nietzsche 1882 proklamiert und es fiel ein Weltbild in sich zusammen, das Jahrhunderte Orientierung geboten hatte. Jetzt mussten neue Werte und Ziele definiert werden, die weder für Ernst Barlach (1870-1938) noch für Käthe Kollwitz (1867-1945) in den blinden Fortschrittsattributen größer, schneller, besser und mehr zu finden waren. Im Gegenteil. Schon früh konzipierten beide ihre künstlerische Arbeit im Widerspruch zu einer als kalt empfundenen, vom Materialismus geprägten Wirklichkeit. Nicht zuletzt hat der 1. Weltkrieg, der die Zerstörungspotentiale der industriellen Moderne in einem grauenvollen Inferno offenbarte, beide Künstler maßgeblich beeinflusst.

Käthe Kollwitz stellte ihre Kunst in den Dienst gesellschaftlicher Verantwortung und hat eine Fülle von sozialrevolutionären Werken geschaffen. Immer jedoch sind ihre Arbeiten sehr persönlich, spiegeln individuelle Schicksale. Ihre Aufmerksamkeit gilt jenen Menschen, die im Schatten des Fortschritts in ärmsten Verhältnissen leben und täglich um ihre Existenz ringen. In realistischer und appellativer Bildsprache klagt sie eine Wirklichkeit an, die solche Ungerechtigkeiten zulässt.

Während das Werk der Käthe Kollwitz von einer engagierten diesseitigen, auf die konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse ausgerichteten Sichtweise und Zielperspektive konzentriert ist, lässt sich Ernst Barlach als Mystiker der Moderne beschreiben. Ihm ging es, abgesehen von seinem Frühwerk, nie um die Abbildung der Realität. Die Menschenbilder von Ernst Barlach tragen wenige individuelle Merkmale. Sie verkörpern Zustände des Seins und sind Ausdruck geistiger Orientierung für eine bessere Welt.

Beide standen den Versprechen ihrer Zeit kritisch gegenüber und setzten sich mit ihrer künstlerischen Arbeit unermüdlich für Gerechtigkeit und Frieden ein. Sinnbildlich dafür befindet sich im Zentrum der Ausstellung das Güstrower Ehrenmal, im Volksmund Schwebender Engel genannt. Dieses Mahnmal des Friedens schuf Barlach zum Gedenken der Opfer des Ersten Weltkrieges für den Dom seiner Heimatstadt. Es trägt die Gesichtszüge der Käthe Kollwitz.

Mit über 150 Exponaten bietet die Ausstellung nicht nur einen retrospektiven Einblick in das Gesamtwerk beider Künstler im historischen Kontext, sondern sie spiegelt auch deren Weltanschauungen in die Gegenwart. Über die Grenzen der Existenz wollten Barlach wie Kollwitz in ihren Werken hinausgehen. Sah Barlach eine Überwindung der Grenzen eher im Spirituellen, in der geistigen Kompetenz des Menschen, so ist die künstlerische Arbeit der Kollwitz dem sozialen Engagement verpflichtet. Die Werke beider Künstler aber widersprechen sich nie, sondern ergänzen und erweitern sich gegenseitig und berühren uns heute nach wie vor. Die aktuellen Debatten um soziale Verantwortung, Armut und Reichtum, Empathie und Engagement für den Frieden sind darin aufgehoben, ebenso wie die Sinnsuche des Menschen in der globalen von Krisen geschüttelten Gegenwart. Bis heute sind ihre Werke aufrüttelnd und tröstend zugleich.

Barlach und Kollwitz im Dialog

Schon zu Lebzeiten wurden Käthe Kollwitz und Ernst Barlach zusammen in den Ausstellungen der Berliner Sezession und der Akademie der Künste gezeigt, in deren Vorstandsgremien sie gemeinsam tätig waren. Von den Nationalsozialisten als »antideutsch« und »entartet« verunglimpft, wurden große deutsche Sammlungen moderner Kunst ab 1935 ins europäische Ausland und in die USA verkauft, darunter auch zahlreiche Arbeiten von Barlach und Kollwitz.  Die Rosenwald-Collection stellte ihr umfangreiches Konvolut an Barlach und Kollwitz Zeichnungen 1943 erstmals in der National Gallery Washington aus und 1948 gab es eine gemeinsame Barlach-Kollwitz Schau in Schweden. Seitdem wurden zahlreiche Dialogausstellungen in Deutschland aber auch in Ungarn, England, Australien, Iran, Norwegen, Dänemark, Schweden, Kroatien, Russland und der Ukraine realisiert. Die Konstellation Barlach – Kollwitz steht im internationalen Kontext vor allem auch für den künstlerischen und moralischen Widerstand gegen Gewaltherrschaft, Terror und Krieg.

Für Käthe Kollwitz kann der Kontakt mit Ernst Barlach als „eine schicksalhafte Begegnung“ bezeichnet werden. Bestimmte Wege wäre sie nicht gegangen ohne sein Beispiel. Viele ihrer Tagebucheinträge zeigen, wie sehr sie den Künstlerkollegen bewundert und sich immer wieder begeistert über ihn geäußert hat. Schon 1913 schrieb sie: „Von ihm habe ich den Eindruck eines für sich bestehenden rauhbeinigen Mannes“, und als ihr jemand erzählt, dass Barlach sich vom glatt Eleganten allmählich zum Einsiedler und Grübler gewandelt habe, notiert sie: „Den bewundere und beneide ich.“

Barlach dagegen verhielt sich Käthe Kollwitz gegenüber zurückhaltend. Es existiert kein persönlicher Brief an sie, aber die Erwähnung ihrer Person anderen gegenüber ist getragen von Respekt, Seelenverwandtschaft und von Solidarität gegen den Ungeist der faschistischen Diktatur in Deutschland, von dem sie als politische Künstlerin in besonderer Weise betroffen war. 1933 protestiert Barlach in einer öffentlichen Rundfunkrede gegen ihren Ausschluss aus der Preußischen Akademie der Künste in Berlin.

Dem Bildhauer, Zeichner und Schriftsteller Ernst Barlach war der einfache, unverbildete Mensch Symbol der Existenz schlechthin. Die menschliche Figur ist seine „künstlerische Muttersprache“. Jedoch löst er sie nach und nach von jeglicher Individualität und findet zu verallgemeinerungsfähigen Darstellungen. Im zutiefst Menschlichen zeigt sich für ihn das Geistige, das die Welt im Zuge ihrer Modernisierung zu verlieren droht. Barlach will Kunstwerke schaffen, die Einfluss nehmen auf die kollektive geistige Verfassung. Er verlangt nicht ‚Erbauung und Befreiung’ vom Kunstwerk, wie viele seiner Zeitgenossen, sondern „ein Wort gegen etwas für etwas Besseres gesagt zu haben oder vielmehr etwas in Erinnerung gebracht zu haben, das im Trubel des Daseins zu leicht vergessen wird“ sieht er als seine künstlerische Aufgabe. Er will über die Erschütterungen seiner Zeit hinauskommen, seine Menschenbilder drücken jenseits der realen Welt immer wiederkehrende Gefühle und Seinszustände aus, so, als wären sie ein Teil der Ewigkeit und gehörten in keinen spezifisch kulturellen Kontext.

Anders Käthe Kollwitz. „Nie habe ich eine Arbeit kalt gemacht, sondern immer gewissermaßen mit meinem Blut. Das müssen die, die sie sehen, spüren.“ Trotz ihrer lebenslangen Bewunderung für Barlach, konnte sie die formale Stilisierung des späten Barlachs nicht immer gutheißen, weil in ihren Augen das Moment der Einfühlung verloren ginge. Die Berliner Grafikerin und Bildhauerin sah ihre künstlerische Arbeit eng mit dem konkreten politischen Kampf gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit verbunden. In ihren Zeichnungen und Graphiken werden die Menschen immer sehr persönlich, fast intim, in ihrer sozialen Realität dargestellt. Im Privaten begann für Kollwitz das Politische. Nur selten, etwa in der Umsetzung der Todesthematik, löst auch sie ihre Bildsprache vom Realismus und lässt eine Stilisierung erkennen, die der Handschrift Barlachs ähnlich ist, wenn auch weicher, getragen von starker innerer – man möchte auch sagen- weiblicher Emotion. Käthe Kollwitz zeigte sich zeitlebens beeindruckt vom Schaffen Barlachs und reflektierte sein Werk in ihrem. Als persönlichen Abschied porträtierte sie den Künstler, zu dessen Trauerfeier sie nach Güstrow gereist war, auf dem Totenbett und bezeichnete das Relief „Die Klage“, das im selben Jahr 1938 entstand, als Klage um Barlachs Tod.

‚Ernst Barlach – Käthe Kollwitz: Über die Grenzen der Existenz’ ist eine Ausstellung der Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg in Kooperation mit dem Werner Berg Museum Bleiburg. Wir danken dem ifa, Institut für Auslandsbeziehungen Stuttgart, der Ernst Barlach Lizenzverwaltung Ratzeburg, dem Ernst Barlach Museum Wedel, dem Ernst Barlach Museum Ratzeburg und allen privaten Leihgebern für die Bereitstellung der Kunstwerke.

Ausstellungseröffnung:
Samstag, 04. Mai 2019, 19 Uhr

Öffnungszeiten:                                                        
04. Mai – 27. Oktober 2019                                     
Di-So: 10-18 Uhr