1953

Werner Berg nimmt am 2. Österreichischen Graphikwettbewerb in Innsbruck teil. Für den Holzschnitt "Christine Lavant" erhält er den Preis der Tiroler Industrie. Werner Berg beteiligt sich an einer Ausstellung Kärntner Maler in der Wiener Secession. Er schreibt an Fritz Novotny: "Gern hätte ich Sie gebeten, einige Bilder anzuschaun, die ich zur Zeit in der Secession ausgestellt habe. Der Gesellschaft und des Brimboriums drumherum war ich jedoch wenig froh, musste nur aus purer Existenznot mittun. Existenz? Ja, ich bin noch da und im Saft. Ich habe mit Stetigkeit und großer Anspannung weitergearbeitet, doch fast nie wusste ich den nächsten Tag gesichert.

In solcher Lage schweigt man." Ausstellung von 30 Ölbildern und 60 Holzschnitten in der neuerbauten Dr. Karl Rennerschule in Kapfenberg. Danach schreibt Werner Berg an Maria Schuler: "Ausstellerei gab es auch inzwischen wieder, damit hat es auch allemal eine eigene Bewandtnis bei mir, außer dem damit verbundenen Umstandskram entsteht fast immer eine Leere innen als habe einem wer die Seele aus dem Leib gezogen." Den an ihn herangetragenen Wunsch, in Köln ein Wandbild zu gestalten, lehnt Werner Berg, wie in der Folge des öfteren, wann immer eine Auftragsarbeit von ihm gewünscht wird, ab: "In den langen Jahren meiner hiesigen Abseitigkeit habe ich zwar nie den Kontakt mit dem Geist und der Wirklichkeit unserer Zeit verloren, aber der "Auftrag" ist nie an mich herangetreten, so dass ich nachgerade ausschließlich daran gewöhnt bin, aus den Gegebenheiten meines Lebens, aus innerer Bindung und einem seelisch stark auslösenden Moment die Form zu erarbeiten."

1954

Ausstellung von 80 Holzschnitten im Tiroler Kunstpavillon. Ausstellung in der Neuen Galerie der Stadt Linz. 

In Wien ist eine größere Berg Ausstellung geplant, die jedoch auf Widerstand Herbert Boeckls nicht zustande kommt. Jörg Lampe schreibt an Werner Berg: "Allen Anschein nach hat es sich jetzt herausgestellt, dass Wotruba wegen Boeckls Widerstand Deine Ausstellung nicht machen wird. Es ist überflüssig hierzu ein Wort zu verlieren. Das Wort Schweinerei genügt, aber es ändert nichts am Tatbestand. ... Die Akademie kommt aus dem gleichen Grunde nicht in Frage." Werner Berg erwidert: "Was mir aber immer wieder an die Nieren geht, ist die dauernd schwärende Feindschaft des (gewiss nicht zu unterschätzenden) Böckl, der sich mir gegenüber, dem er vor 20 Jahren mit aller Emphase Freundschaft bekundete, einfach in einen Wahn hineingeritten hat, der mit dem Menschen, als der ich nun lebe und mich plage, nicht das geringste zu tun hat. Ich unterschätze Böckl nicht als künstlerischen Ausnahmefall, und schon gar nicht seine Machtposition. Ohne die sähe mein Leben, glauben Sie mir, heute anders aus, hier aber ist meine Situation nur unvorstellbar schwer."
An Erich Kuby schreibt Werner Berg: "Ich will nicht jammern, aber unsere Lage war nie weniger rosig, und wir kommen uns zur Zeit wie hinter den Anfang aller Mühen zurückgeworfen vor." 

Ausstellung von Holzschnitten im Konzerthaus in Wien. Werner Berg reist zur Munch Ausstellung nach München. Große Ausstellung im Künstlerhaus in Klagenfurt. 

"Als Künstler stehe ich so fremd im Land, so fremd in der Zeit und glaube doch, mit dem mir Anvertrauten ein Positiönchen halten zu können, das nicht aufgegeben werden darf", schreibt Werner Berg an Maria Schuler. Die Beziehung zwischen Werner Berg und Christine Lavant führt zu schweren Konflikten für alle Beteiligten und letztlich zur Trennung.

1955

Im Jänner versucht Werner Berg seinem Leben ein Ende zu setzen. Er kann gerettet werden, bedarf jedoch eines längeren Spitalsaufenthalts im Krankenhaus Klagenfurt.
Seine Frau Mauki schreibt: "Er hatte in der letzten Zeit an schweren seelischen Depressionen gelitten, unlösbare Konflikte, Verfolgung und Anfeindung hatten seinen Lebenswillen so zugesetzt, dass er dem seelischen Überdruck nicht mehr standhalten konnte und in einem Anfall von Sinnesverwirrung eine Überdosis Schlafmittel eingenommen hat. ... Nur dem unablässigen Bemühen der Ärzte ist es zu danken, dass er gerettet werden konnte. Er war 5 Tage lang bewusstlos und hat nun im Anschluss an die Bewußtlosigkeit noch eine Lungenentzündung zu überstehen." Erich Kuby schreibt aus München an Werner Bergs Frau Mauki: "Ich habe nie daran gezweifelt, dass Sie nicht nur das schwerste der äußeren Last dieses zwiespältigen Lebens von Ihrem Mann getragen haben, sondern auch der inneren, und das zeigt sich nun wunderbar in Ihrem Brief angesichts der Katastrophe. ... Ich sehe das Geschehene in gar keiner Weise als einen Endpunkt oder auch nur Beginn eines Nachlassens der künstlerischen Kraft. Es ist viel wahrscheinlicher, dass es das Gegenteil bedeutet. Die krisenhaften Ausmaße sind die Folgen seiner Empfindlichkeit. " Am 22. Feber schreibt Berg an Maria Schuler: "Ich glaubte (und glaube es noch), dass es den geliebten Meinen ohne meine Last besser ginge, aber inzwischen bin ich hart genug belehrt worden, dass ich nicht aufgeben darf. Damals war ich nicht Herr meines Willens und meiner Vernunft. Die Lungenentzündung ist soweit gut abgeklungen, wenn auch noch nicht ganz. Ich wollte, ich wäre schon wieder auf unserem Berg, dürfte arbeiten und alles Ungute vergessen Alles geschehene war doch von tieferer Notwendigkeit (unausweichlicher), als man meinen möchte. Jenseits der tiefen Cäsur beginnt das Leben neu und unanfechtbarer; leben, atmen, arbeiten aber kann ich nur hier, wo ich dennoch nicht aus Zeit und Welt falle. ... Ein bisschen schweigsam bin ich schon geworden, spüre die Schattenschwere noch, aber alles in kaum zuvor gekannter Gelassenheit." schreibt er Ende März an Maria Schuler.
Kurz darauf erkrankt Berg an einer im Spital aquirierten Hepatitis für Monate. Er verarbeitet sein Erleben in der Serie der "Krankenbilder".

"Ich habe ungeheure Sehnsucht nach tieferem Erkennen, nach stärkerem Ergreifen, nach neuen Formen." schreibt er aus dem Krankenhaus an Maria Schuler. "Sein Schicksal kann man weder suchen, noch finden, man kann es nur annehmen oder vertun. Ein unaufhörliches Bemühen ist das höchste erreichbare "Glück", mancher ist ob seiner heiteren Gelassenheit zu beneiden, aber ohne die Unruhe läuft kein Werkl. Selbstzufriedenheit ist tödlich."

Teilnahme an der 1. Internationalen Graphik Biennale in Laibach. "Entgegen einem weltverbreiten Abstraktivismus dennoch der Glaube an den unausschöpfbaren Sinngehalt und die unaufhörliche Gestaltbarkeit des Wirklichen", so kennzeichnet Werner Berg seine Position. Der Dichter Georges Glaser besucht im Sommer den Rutarhof. "Glaser ist da mit seinem kleinen Sohn, ein ungemein anregender (und anstrengender) Besuch. Ein Mann, ein unzerbrochener, als Figur schon ein Manifest. Wirklich fürchten sollte man sich nur vor dem Herabziehenden, dem Niedrigen, dem Bourgeois", schreibt Werner Berg an Maria Schuler. Erich Kuby schreibt Werner Berg: "Ich weiß nur, dass Sie ein Mensch sind, mit dem man behutsam umgehen muss - mit allen Menschen muss man behutsam umgehen, aber bei Ihnen ist es doch noch anders, Ihr Leben und Ihre Arbeit sind absolut."

An J. Frankel, der in seiner Abwesenheit den Rutarhof besuchte, schreibt Werner Berg: " Natürlich musste es mich in der Seele freuen, dass und wie Sie an meiner künstlerischen Arbeit Anteil genommen haben. Ihnen hat es, was ich sehr wohl verstehe, der inwendig slowenische Charakter der Bilder angetan. Hierbei muss ich sagen, dass ich nie allerdings in irgendeiner anderen Absicht gearbeitet habe als in der einer echten künstlerischen Gestaltung. Dennoch haben Sie recht, nur glaube ich, dass die gültigen Zeugnisse fast immer ohne unterstrichene Tendenz entstehen. Jenseits davon bin ich freilich selbst geradezu von der Tatsache betroffen, auf welche geheimnisvolle und starke Weise die Seele des merkwürdigen Grenzvolkes hier zum Ausdruck kommt in meiner Arbeit, und das vielleicht in einem äußersten, letzten geschichtlichen Augenblick. Ich habe da lediglich einen Auftrag mit Redlichkeit zu vollziehen und denke an keinerlei Schönfärberei, - so oder so."

1956

"Die Malerei lässt nichts übrig. Auch die muss wenn sie taugen soll, wie Gebet, restlose Hingabe sein", schreibt Berg im März an Maria Schuler, und im April: "In dieser ganzen Zeit bin ich von der Arbeit reineweg absorbiert, dass heißt, wenn es überhaupt Sinn haben und nicht Verbrechen bedeutet, keineswegs "Ich". Nach zwanzig neuen Bildern habe ich mich nun nach langer Zeit wieder der Holzschneiderei zugewandt. Ich arbeite wie besessen, frage mich zwischendurch oft bang nach der Berechtigung und kann zuletzt doch nicht anders."

Alfred Kubin besucht im Sommer den Rutarhof. 

Ab November Ausstellung in der Österreichischen Galerie im Belvedere in Wien.
Wieland Schmied schreibt dazu: "Werner Bergs Kunst ist, wie jede Kunst, unliterarisch. ... Seine Kunst ist Wirklichkeitskunst, ist verdichtete Wirklichkeit. Er ist ein großer Vereinfacher in der Malerei, wie Ernest Hemingway ein Vereinfacher in der Literatur ist."

Thomas Bernhard bemerkt in einer Rezession: "Werner Berg leistet seit Jahrzehnten Vorzügliches auf dem Gebiet des modernen Holzschnittes, er darf als Bahnbrecher auf ein geradezu österreichisches abstraktes Element angesehen werden und nimmt europäischen Rang ein."

1957

Wieland Schmied besucht im Winter erstmals den Rutarhof.

Anläßlich ihres 80. Geburtstags schreibt Berg in einer eine Würdigung Gabriele Münters:

Werner Berg besucht Gabriele Münter in ihrem Haus in Murnau.

Ausstellung im Österreichischen Kulturinstitut in Paris. Zu seiner Charakterisierung verfasst der Künstler selbst folgende Mitteilung: "Werner Berg lebt und arbeitet seit 26 Jahren auf einem Bergbauernhof in Südostkärnten, einer der einsamsten und merkwürdigsten Gegenden Österreichs. Einsam, weil vom Strom des westlich sich ergießenden Fremdenverkehrs unberührt, merkwürdig, weil die slawische Einfärbung - die einen sagen die "Kärntner Slowenen" die anderen "die Windischen" - ein tieferes, geheimnisvolleres Klangbild ergibt, als die Vorstellung des Älplerischen (a la tyrolienne) zumeist bedeutet. Auf eine hermetisch-inwendige Weise wurde die Arbeit Werner Bergs dafür inzwischen oft erkanntes Beispiel, wobei eine jahrzehntelange Abdichtung notwendig war, dieses innere Bild reich und fest zu machen. Nicht genug zu betonen ist, dass diese Arbeit aus einem ununterbrochenen wachen Kontakt mit den geistigen und gestalterischen Kräften der Zeit und der Welt erwuchs. Die Herkunftsverwandtschaft mit dem sogenannten Deutschen Expressionismus ist nicht zu leugnen, aber die eigene Weiterführung bedeutet viel mehr klare Formung im Sinne der großen französischen Meister, als hektische Forcierung des Sentiments. Aus der großen und vielfältigen Arbeit des Malers Werner Berg werden hier in erster Linie Holzschnitte gezeigt, die dem Wesen und den Gegebenheiten des Künstlers besonders klar entsprechen. Diese Graphik hat dennoch ihren Ursprung in der Malerei des Künstlers, deren herbe Strenge dem Zeitcharakter entspricht. Ihr Thema ist die angeschaute, aufgenommene Umwelt des Landes und seines Volkes, ihre Formung entspricht rein bildnerischer Gesetzmäßigkeit. Anschauung bedeutet hier keineswegs Ausschaltung der künstlerischen Intelligenz, Expression nicht Schrei. In den Holzschnitten herrscht Disziplin des reinen Schwarz und Weiß. In der knappsten Formulierung bleiben Hauch und Schwingung gewahrt. In einer nicht-abstrakten Gestaltung wird die Wirklichkeit transparent und die Organisation offenkundig."

Der Bundesminister für Unterricht und Kunst zeichnet Werner Berg durch Verleihung des Profesorentitel aus.

Ausstellung in der Moderna Galerija Ljubljana, deren Direktor Zoran Krzisnik sich sehr für das Werk Bergs einsetzt.

Der Direktor der Moderna Galerija, Prof. Zoran Krzisnik bemerkt: "Am meisten erschüttern uns Bergs Menschen. ... Einen solchen Dolmetsch hatten sie bis jetzt noch nicht: ihre schwerblütige, bedächtige Natur spricht zu uns aus Bergs Werken, ihre Selbstständigkeit, die Eigenart dieser slowenischen Menschen des Grenzgebietes, die durch die Kunst Werner Bergs in die Schatzkammer der kunstliebenden Menschheit der ganzen Welt übergegangen sind. Das ist ein Geschenk, das uns nur ein wirklich großer Mensch und Künstler geben konnte."

Unter dem Titel "Daten?" schreibt Werner Berg im Katalog: "Für die Laibacher Ausstellung meiner Arbeiten, der ich mit besonderer Freude und Erwartung entgegensehe, soll ich die autobiographischen Daten zusammenstellen. Das erfüllt mich allemal mit einiger Verlegenheit, - nicht als ob es etwas zu verbergen oder frisieren gälte - und was wäre schon ehrenvoller, als Irrtümer einzugestehen? -, nein, sondern weil ich glaube, dass die Begebenheiten, die sich aufzählen lassen, für die wirkliche Entwicklung eines Künstlers soviel weniger besagen als die mit dem Zeigefinger nicht aufweisbaren. Wenn ich die Preise nenne, die ich erhielt, ... wenn ich die Ausstellungen anführe, wo gekauft wurde und wie viele Bilder in welchen Ministerien hängen, - ja, dann höre ich plötzlich des sterbenden Cezanne fiebernde Frage, ob nicht doch noch der Museumsdirektor seines Provinznestes ihn vor seinem Tode eines Ankaufes würdige, oder ich bedenke, dass Vincent van Gogh ein Bild in seinem Leben verkaufte. Sollte man sich da noch sonderlich großartig vorkommen? Natürlich unternimmt man dies und jenes, um leben und arbeiten zu können, aber ein Künstler, der kein Pfau ist, wird sich nie die Fragwürdigkeit der "Erfolge" verhehlen. Immer dann fällt mir die Stelle von Saint Exupery ein, wo er von gewissen Erfolgen spricht, deren man sich schämen sollte, und von Niederlagen, die uns stolz machen können. "Nur spielt man gegen die Menschen ein Spiel, in dem die wahre Bedeutung der Dinge so wenig zählt. Man gewinnt oder verliert nach bloßem Schein: Scheinsiege, deren man sich eher schämt, oder Scheinniederlagen, die einem aber das Weiterwirken unmöglich machen." ...Vor einem Jahr war mir eine Ehrung zugedacht, gegen die sich ein Kollegium beamteter Künstler aussprach. Zur gleichen Zeit besuchte mich auf dem Rutarhof der alte Alfred Kubin, der voll subtiler Aufmerksamkeit meine Arbeit betrachtete und diesen Eindruck als seinen stärksten in der Nachkriegszeit bezeichnete. Eben damals gab Oskar Kokoschka erneut herzlich spontane Zeichen seiner impulsiven Zustimmung. Was wiegt? Was nicht? Zuletzt nur dies: arbeiten."

Später, nach Ende der Ausstellung schreibt Werner Berg: "Im Kriege lehrt man die Völker einander zu vernichten und zu verachten. Nach dem Kriege frühstücken die Diplomaten wieder miteinander, und aus ihrem Gepäck wird als Requisit dritter Garnitur die Kunst hervorgeholt als "Mittel zur friedlichen Verständigung der Völker" - undsoweiter undsoweiter. Man kennt diesen Schleim und seine beamteten Vertreter zur Genüge. Nein, nein, nein! Kunst ist kein Instrument der Diplomatie, sondern Ursprache der Menschheit. Und wo immer sie verstanden wird, ist für den Künstler Heimatland jenseits aller Grenzen und Ideologien. Das habe ich beglückend in Laibach erfahren, wo ich als Künstler zu Gast, doch gar nicht fremd war."
Nach den Anstrengungen dieses großen Ausstellungsjahres macht Werner Berg erstmals, wie in späteren Jahren so häufig eine Kur in Überlingen am Bodensee.
Werner Berg tritt aus dem Kärntner Kunstverein aus. "Aus dem Kunstverein bin ich ausgetreten. War eine Mißehe."

1958

"Am gestrigen Dreikönigstag war ich in Eberndorf skizzieren. Mit Dreikönig geht es recht eigentlich erst ins neue Jahr hinein, wir lieben den Feiertag vor allen anderen. Am Abend wird über die Türen C+M+B+ gemalt mit der neuen Jahreszahl, die Frau trägt das Licht, der Pacher das Feuer, Veit das Räucherzeug, und eine Stimme sagt mild und mahnend: "Der Hausvater". Dann ist alles zugleich da: Verfehlung und Vergeblichkeit, Hoffnung und Aufschwung; das tiefe Wissen, daß die insecuritas humana der einzige sichere Tragpfeiler der Existenz, des Künstlers zumal, ist, und doch immer wieder das Gefühl, ganz neu vor einem Anfang zu stehen", schreibt Werner Berg an Maria Schuler.
An Fritz Ogris schreibt Berg im Mai: "Zur Zeit bin ich einmal wieder beim Holzschneiden, die Arbeit fordert mir allemal die letzte Kraft ab, und nach diesem unvergleichlichen Malwinter geht es nun etwas härter und schwerer weiter. Mehr denn je aber greife ich Sinn und Fruchtbarkeit unserer Lebenssituation und vor allem den Zwang zur Einfachheit und inneren Besinnung."

Bisher intensivstes Maljahr in dem an die sechzig Ölbilder entstehen.
"Das vorige Jahr war für mich ein rechtes Ausstellungsjahr, so wie das heurige ein Arbeitsjahr in ununterbrochener Anspannung und Einsamkeit ist."
Seine Situation als Landwirt schildert Werner Berg: "Alles was zur betriebswirtschaftlichen Organisation gehört, obliegt mir selbst, und die meiste schwere Arbeit werden von meinem Sohn und meiner jüngsten Tochter mit dem größten selbstlosen Fleiß ausgeführt, während meine Frau weder Erholung noch Feierabend kennt. Wir haben uns weder elektrisches Licht leisten können, geschweige denn Fahrzeug, Traktor oder irgendwelchen Luxus."
Dr. Leopold Zahn, der Herausgeber der Zeitschrift "Das Kunstwerk" plant ein Heft zur Stellung gegenständlicher Kunst. Er fordert Werner Berg auf, grundsätzlich seine Position in dieser Veröffentlichung darzulegen.

Werner Berg schreibt ihm darauf: "Von Ihnen nach Jahrzehnten intensivster und einsamer Arbeit vorgestellt zu werden, kann mir in der Tat nicht gleichgültig sein, geht es doch darum aufzuzeigen, dass auch eine solche Arbeit als lebendige Gestaltung im Kraftfeld der Zeit steht und nicht mit epigonalen Verplätschern zu verwechseln ist. Vielleicht darf ich in diesem Zusammenhang zwei Bemerkungen machen, die mir zur Charakterisierung des Standortes dienlich erscheinen. Einmal muss die "gegenständliche Malerei" - man hat sich wohl auf die nicht sonderlich glückliche Bezeichnung zu einigen - aus der gesamten Problematik zeitgenössischen Gestaltens hervorgehen, und das Bewusstsein ihres Urhebers darf keinerlei Spannungen und Entscheidungen ausweichen. Adorno: "Jedes mal ist der Konflikt auszutragen, und man braucht viel Kraft oder viel Dummheit, um darüber nicht den Mut zu verlieren." Von besonderer Bedeutung erscheint mir aber der spezifische Wirklichkeitsbezug eines solchen Malers. Es ist nicht ganz leicht, dies unmissverständlich zu formulieren: zum Vergleich kann ich nur etwa auf die Position Kierkegards, auf die des Erkennenden innerhalb der Existenzphilosophie beziehen, eben auf sein inwendiges Eingeschlossensein darin als Existierender, der sein "Entweder-Oder" nicht nur gemeint und geschrieben, sondern auch durchgestanden hat. Ähnlich, denke ich, muss es bei einer Existenzmalerei bestellt sein, wenn sie die notwendige Kraft haben soll, den "Abgrund der Wesenlosigkeit" zu überwinden."

1959

Werner Berg schreibt für "Das Kunstwerk" sein "Bekenntnis zum Gegenständlichen" und beschließt dieses mit einem Postskript: "Wenn ich gefragt werde, warum ich in meiner Malerei an dem Gegenstand festhalte, so muss ich verdattert gestehen, dass dieses Warum niemals für mich bestanden hat. Die wirklichen künstlerischen Entscheidungen stehen jenseits solcher Fragen und Frag-würdigkeiten.

Sie wissen, dass ich nun seit 30 Jahren ein Bergbauern-Anwesen mit meiner Familie in der Einschicht bearbeite. Mit Romantizismus hat das nicht das geringste zu tun, und wer solche Lebensform diese Zeit hindurch erprobt und bestanden hat, weiß, dass es keine härtere, unsentimentalere Realität gibt als das Landleben ohne Schaustell-Farce. Diese Distanzierung vermag dennoch Empfinden und Bewusstsein für die geistigen Entscheidungen und Ereignisse der Zeit erst recht zu schärfen.

Der Besitz eines Misthaufens ist nicht Voraussetzung für künstlerisches Schaffen. Dieses vollzieht sich immer und überall nur aus einer geistigen Situation, die zu erarbeiten ist. Nicht gleichgültig aber ist, welche Säfte und Kräfte den Schaffenden nähren. Schlimmer als die "Hybris des Lebens" ist die des Geschwätzes.

Die Gegenstände bilden eine Zange ganz besonderer Art zur Wirklichkeitsbe- und ergreifung. Der Zwang zur Arbeit, der Lebensrhythmus der Jahreszeiten und seine sehr realen Sorgen schienen mir für die künstlerische Gestaltung stets mehr förderlich als hinderlich zu sein, wie man das auch zu Zeiten verfluchen mochte. Jeder Schritt erfüllt den Sehenden mit Anschauung, die Sorge um Wachstum, Gedeihen oder Vernichtung will der Willkür nicht viel Raum geben, den "Gegenstand" zu zerlegen oder aufzulösen, den Gegenstand, der Acker und Wald, Blume und Vieh und immer wieder der Mensch ist.

Dieser unterkärntnerische Landstrich hier ist voll der merkwürdigsten Spannungen, Restmodell jenes Erdteils, der einst Österreich-Ungarn hieß. In seltener Vielfalt der Landschaft ist die slawisch-slowenische Grundsubstanz mit dem Kärntnerischen zusammengewachsen bei unmittelbarer Nachbarschaft des Romanisch-Lateinischen, das Katholische prägt sich in universeller Bildfülle im Volke aus, und aus dem wärmenden Inkreis der Familie kommen die mannigfachen Begegnungen mit der größeren Welt. Noch in der äußersten Verwandlung des Gestaltens erwachsen dem Bilde daraus Schwingung und Arom, aufs neue stets und unausschöpfbar.

Der Expressionismus gab mir einst Anstoß und Impuls. Vom Explosiven und Beschwörenden, vom Schweifenden, Dräuenden, wolkenhaft Dunklen, all diesen deutschen Gefahren, ging die Tendenz immer mehr zu Beherrschung, Ordnung, Klarheit. Die Möglichkeiten eines Malers, der so dem Gegenständlichen verhaftet bleibt, sind durchaus unbegrenzt. Immer wieder kommt es zuletzt auf Begabung und Begnadung an, auf die Kraft, die Intensität und die Intelligenz des Gestaltenden. Versagen die, so liegt es am Subjekt, dem Maler, und nie am Objekt, - dem Gegenstand."

"Ich beneide Sie um Ihr Leben, und ich bewundere Sie für die Kraft, die Sie hatten, es so und nicht anders zu leben", schreibt Wieland Schmied.
Werner Berg besucht Alfred Kubin in Zwickledt und zeichnet den greisen Meister vor seinem Tode.

Der Leiter der Städtischen Galerie München, Hans-Konrad Röthel besucht mit seiner Familie den Rutarhof, um eine Ausstellung für München vorzubereiten. "Alles wirkte zusammen, die Natur, die menschliche Atmosphäre Ihres Hauses und Ihre Arbeiten, um das Ganze zu einem einzigartigen Erlebnis werden zu lassen", schreibt Röthel nach dem Besuch.

"Ich habe wochenlang tagaus, tagein gemäht und geheut. Es war hier eine recht unruhige Zeit zuletzt mit viel Unwetter und eben erst ist meine Frau, nach einer heiklen Operation wieder heimgekehrt. Bald geht es wieder an die Staffelei. Jetzt war für mich die erste unfreiwillige Pause nach der intensivsten Malzeit meines Lebens, eineinhalb Jahre hindurch ohne Senke oder Unterbrechung. Wie gern würde ich Ihnen das alles einmal zeigen dürfen, denn erst im größeren Zusammenhang erkennt man das Weltbild der Bilder, während beim Routinier oft gerade das Vereinzelte zu verblüffen vermag", schreibt Berg an Familie Eversmeyer.

Die Gemeinde Wien erwirbt Bergs gesamtes bis dahin entstandenes Holzschnittwerk und will diese Sammlung auch um die jeweils neu entstandenen Holzschnitte ergänzen.

1960

Wieland Schmied schreibt aus Mödling: "Ich habe Sehnsucht nach dem Rutarhof - in meinem Empfinden ist er zu einer Art Seelenheimat, Ithaka, Tuskulum, Ultima Thule geworden, ein Hort der Wahrhaftigkeit über dem Streit der Zeit." Und anschließend aus Frankfurt: "Gerade jetzt, wo ich mich ein wenig hier in Frankfurt zu akklimatisieren beginne, spüre ich, was mir Ihre Welt - und da läßt sich, Gott sei Dank, die leibhaftige Umwelt, der Rutarhof, Wälder und Äcker und das Flußband der Drau im Rosental und der Hochobir und die Windischen nicht trennen von der geistigen Welt - bedeutet: nämlich den Inbegriff dessen, was mir das Eigentliche, Wesentliche des Lebens überhaupt erscheint, als das, was ich gerne "meine" Welt nennen möchte: nicht um diese Welt für ein Ich zu annektieren, sondern um auszudrücken, wohin es mich im Innersten zieht!"

Werner Berg ist in der Exhibition of Austrian Art in London vertreten
An Wolfgang Koschatzky schreibt Werner Berg: "Zu Ihrer Beruhigung kann ich Ihnen versichern, dass ich außerhalb aller Verfilzungen und Sicherungen stehe, muss aber zu Ihrer Informierung hinzufügen, dass ich nah bei nah mit der Moderne aufwuchs, mit meiner Arbeit durch die "Entartete" geschliffen wurde und die Barden noch stets gegen mich hatte, wie jetzt die Dirigenten einer alles verödenden, gesichtslosen Gleichmacherei."

1961

Der Rutarhof erhält, nachdem Werner Berg und seine Familie bisher mit Petroleumlicht ausgekommen waren, eine Stromleitung und damit elektrisches Licht.

Ausstellung in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, München. Deren Leiter, Hans-Konrad Röthel schreibt im Vorwort zum Katalog: "Werner Berg betrachtet seine Welt mit der Distanz des Fremden und zugleich mit der Intensität des Liebenden. In seinen Arbeiten, in denen stets noch der Impuls des im Augenblick Erlebten spürbar ist, wird die Wirklichkeit verhärtet, vereinfacht, in eine strenge Struktur eingebunden. Das Individuelle wird zum Typischen. Werner Berg geht einen einsamen Weg. Er ist ebensowenig folkloristischer Heimatmaler wie Vertreter des sogenannten "neuen Realismus". Für jenen fehlen ihm Naivität und Sentimentalität, für diesen jede politische Ambition. Sein Werk ist, glaube ich, aus dem deutschen Expressionismus am ehesten zu verstehen. Hier liegt ein Teil seiner Quellen. Aber auch insofern scheint der Expressionismus ein Agens seines Stils zu sein, als er ihn und gerade ihn überwunden hat."

Werner Berg besucht Max Frisch in Zürich. Zusammen mit Ingeborg Bachmann und Bergs Sohn Veit sehen sie sich eine Theateraufführung von "Andorra" an.
Max Frisch schreibt: "Was ich ab und zu auf Ihren Bildern sehe, kommt mir wie eine Mahnung vor: Kraft aus der Ruhe!"

Aus Überlingen schreibt Werner Berg an Fritz Ogris: "Nun also habe ich hier meine Fastenkur angetreten, die ist für mich von ungemein segensreicher Wirkung, und danach wünsche ich mir, so es der Himmel will, ein Arbeitsjahr voller Sammlung und Stetigkeit. Ich habe alle Ausstellungen abgesagt. Auf der Herreise habe ich mit unserem Veit als Umweg eine kleine Kunstfahrt über Innsbruck und die Schweizer Städte gemacht, in denen sich unerhörte Kunstschätze angesammelt haben. Es gab auch sehr eindrucksvolle menschliche Begegnungen und Wiederbegegnungen. Es ist sehr wichtig für mich in meiner Lebenssituation, nach Perioden der Abgeschlossenheit die Zeit und die größere Welt und vorallem den Atem und die Maße großer Kunst unmittelbar zu spüren. Mit umso entschiedeneren Bewusstsein, aber nicht aus enger und blinder Selbstüberschätzung bekenne ich mich dann zum Rutarhof."
"Ich schreibe in der schlechtesten Schreibverfassung, nicht so sehr einer Schulterverletzung wegen, als weil ich - gottlob! - wieder tief in der Malerei stecke. Ich kann nur immer wieder den jungen Beckmann zitieren: "Im wirklichen Leben frisst mich die Malerei. Ich armes Schwein kann nur im Traume leben."", heißt es zurückgekehrt auf den Rutarhof an Maria Schuler.

Wieland Schmied schreibt aus Frankfurt: "Einige Tage war Thomas Bernhard hier zu Besuch. Er schätzt Sie sehr, und wir sprechen immer von Ihnen."
Der Gesundheitszustand von Werner Bergs Frau verschlechtert sich zusehends.
Die Veränderungen in seiner ländlichen Umgebung, die zunehmende Technisierung der Landwirtschaft auch in Unterkärnten beginnen Spuren in Bergs Werk zu hinterlassen. So schreibt er an Fritz Ogris: "Die neue Zeit wird alles verschleifen, doch zwischen hier und Bleiburg hat doch vieles noch den Charakter von Herkunft und Besonderheit. Wie schauerlich ist doch der Anblick eines Bauernobstgartens voll lackierten Blechs?".